Die Illusion der Kontrolle 

Vielleicht gehörst du zu den Menschen die ständig das Gefühl haben alles kontrollieren zu müssen, Situationen, Gespräche, die Meinung anderer Menschen, deinen Partner, deine Kinder, deine Finanzen und wenn du könntest, sogar das Wetter. Dann gibt es hier vielleicht etwas Neues für dich - eine neue, andere Sichtweise, die dein Leben verändern könnte.
Wir wurden dazu erzogen zu kontrollieren, Druck auszuüben und uns anzustrengen. Daran ist erstmal nichts falsch, je nachdem auf welchem Level deiner Entwicklung du dich gerade befindest. Je niedriger das Level, desto schwieriger und unsicherer kommt dir das Leben vor. Kontrolle auszuüben, ist der Versuch, in dir selbst irgendwie Ordnung herzustellen, und dafür musst du dein Umfeld kontrollieren.
Woher kommt also das zwanghafte Bedürfnis alles kontrollieren zu müssen? Zum einen ist es die unüberschaubare Komplexität der Alltagsanforderungen, mit all den dazugehörigen Reizen und zum anderen sind es die daraus resultierenden Ängste und Überforderungen, die an deinem Selbstwert kratzen und dich nach der eigenen Bedeutung in diesem rasanten Chaos suchen lassen. In der Schnelllebigkeit der Dinge verlierst du den Blick für die tiefere Bedeutung deines Lebens und klammerst dich an den Ufern des reißenden Flusses fest, um irgendwie das Tempo rausnehmen zu können und das Gefühl zu haben, dass du irgendwas kontrollieren kannst.
Vielleicht fühlst du dich auch oft entmutigt, verzweifelt und den Umständen nicht mehr gewachsen. Das alles erwächst natürlich aus einem zu hohen Leistungsanspruch und erzeugt enormen, inneren Druck, dem du auf Dauer nicht standhalten kannst. Dazu regt sich die Überzeugung, nicht gut genug zu sein oder Anerkennung bekommen zu müssen, für das, was du bist oder leistest.
Natürlich kannst du auf bewährte Bewältigungsstrategien zurückgreifen, die dir das Gefühl von Kontrolle geben. Du kannst mit einem vertrauten Menschen reden,  dir To-Do Listen machen, dich mit lauter Musik ablenken oder versuchen der Situation eine andere Bedeutung zu geben aber in der Tiefe deines Seins änderst du damit nichts und das Hamsterrad dreht sich unerbittlich weiter. Was kannst du dagegen tun? Nun, das Hamsterrad dreht sich, weil du darin läufst. Du treibst es an.
 
In der Monotonie des Alltags, in der du oft einfach nur funktionierst, dich quälst, anstrengst und deinen Schöpfer, das Universum oder den Urgrund deiner Existenz zu Tode langweilst, gibt es manchmal Momente, in denen deine kleine „sichere Welt“ Risse bekommt. Und durch diese Risse scheint etwas hindurch, dass eine unwiderstehliche Anziehung besitzt und dir gleichzeitigt riesige Angst macht, weil es deine Paradigmen, Dogmen und Regeln herausfordert und ins Wanken bringt. Und da du spürst, dass du darüber keine Kontrolle hast, bekämpfst du jeden in dir aufsteigenden Gedanken, jedes Gefühl das diese Risse größer werden lassen könnte und findest dich lieber mit dem täglich grüßenden Murmeltier ab, anstatt dein Leben im Hier und Jetzt zu begrüßen.
Männer laufen oft vor ihren Gefühlen davon oder unterdrücken sie, was genauso feige und selbstzerstörerisch ist, als wenn du dich vor den Herausforderungen des Alltags drückst. Und Frauen geraten oft in den Zwang, alles um sich herum kontrollieren zu müssen, um darin Sicherheit zu finden. Bei beiden dominiert die Angst. Und um diese unangenehme Angst und Unsicherheit nicht fühlen zu müssen, haben sie das starke Bedürfnis Kontrolle auszuüben. Doch du kannst nicht vor dir selbst davonlaufen. Du musst die gehassten, besorgten, ängstlichen sowie die geliebten Anteile deines Selbst, also Licht und Schatten, in dir integrieren und wieder zu einem ganzen Menschen werden, der beides in sich vereint.
Ein Klavier hat nicht nur weiße Tasten. Die schwarzen Tasten dienen der Orientierung und stehen mit den weißen Tasten in enger Beziehung. Für eine Sinfonie braucht man das gesamte Repertoire an Tönen. Die negativen Ereignisse und die dazugehörigen negativen Emotionen geben uns ebenfalls Orientierung. Woher wüssten wir sonst, ob wir uns noch auf unserem Weg befinden?  Wir brauchen die Polarität, um Dinge miteinander vergleichen zu können. Das Gute, das Glück existiert nur im Zusammenhang mit dem Bösen und dem Unglück. Sie stehen in Beziehung zueinander und nur zusammen wird daraus die Sinfonie deines Lebens.
Wie oft stemmst du dich mit aller Macht gegen negative Emotionen, willst sie kontrollieren, loswerden und auf gar keinen Fall fühlen. Doch Druck erzeugt Gegendruck. Je stärker du dich gegen etwas wehrst, desto mehr Gegenwind bekommst du. Das mag dir vielleicht in der einen oder anderen Lebenssituation gelingen, aber nicht bei deinen Emotionen. Emotionen müssen durch dich hindurchfließen. Sie sind Energie in Bewegung. Wenn diese Energie aber im Körper durch Gegendruck stagniert, entstehen Verspannungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Gereiztheit. Blockierte Energie erzeugt Hitze und lässt dich innerlich ausbrennen und krank werden. Wenn Festhalten und Kontrollieren nicht das Maß der Dinge sind, um in dieser Welt glücklich zu werden, was ist es dann?
 
Loslassen und Hingabe 
Vielleicht klingt es für dich wie Aufgeben und es gibt wahrscheinlich keine rationalen Gründe dafür, sich dem Leben hinzugeben und loszulassen. Aber genau hierin liegt das Problem, das sich über den gesamten Planeten erstreckt. Wir haben das Fühlen verlernt, auf Kosten von penetrantem Denken. Mit „fühlen“ meine ich nicht deine Emotionen, die an deine Vergangenheit geknüpft sind, sondern ein tieferes Verständnis, ein tieferes Wissen das aus deiner Intuition kommt. Wir denken uns zu Grunde, weil der Verstand die Herrschaft an sich gerissen hat. Aber der Verstand kann alles rechtfertigen und darin liegt seine dunkle Macht. Er wird für alles, plausible Begründungen finden – für Krieg, Hunger, Hass und Leiden. Wir haben ihn vom Diener zum Herrscher erhoben und verkennen damit die tiefere Dimension unseres Lebens. 
Wenn du die Kontrolle aufgibst, loslässt und dich dem Leben hingibst, wirst du dich wohl oder übel deinen Ängsten stellen müssen, denn aus ihnen heraus entsteht ja erst das Bedürfnis Dinge, Menschen und Situationen kontrollieren zu müssen. Durch Hingabe und Loslassen gehst du aus deiner scheinsicheren, begrenzten Welt in die Unsicherheit und steigst gleichzeitig ein, in das Abenteuer das man Leben nennt. 
Ok, das erfordert natürlich erst einmal großen Mut und Überwindung aber kannst du dir vorstellen wie es sich anfühlen wird, wenn du frei vom Zwang der Kontrolle bist, wenn du den Mut hast, deinen Gefühlen nachzugehen und dich ihnen nicht entgegen stemmst oder vor ihnen wegläufst?  Druck erzeugt immer Gegendruck. Und wohin soll deine Flucht führen, außer weiter von dir weg. Du kannst nicht vor dir selbst davonlaufen. Du wirst immer wieder eingeholt werden, von dir selbst, von DEINEM Leben. Besonders in Momenten, in denen du schwach bist, resignierst und nicht mehr stark sein kannst, wenn du auf dem Boden liegst. Dann setzt sich dein Leben neben dir und sagt: „Du kannst mir nicht entkommen. Ich werde dich suchen und ich werde durch jede erdenkliche Situation zu dir sprechen, bist du mir mit jeder Zelle deines Körpers vollkommene Aufmerksamkeit schenkst.“ 
Dein Leben wird dich tragen, wenn du deinen Griff lockerst und dich in den Moment hinein entspannst. Das wird deinem Ego nicht immer passen aber deine Seele kann sich darin voll entfalten. Mit dem Aufgeben der Kontrolle entblößt du auch die Lügen, die du dir über dich selbst erzählt hast. Und das sind zum einen, dass du die Kontrolle in deinem Leben hast und zum anderen, dass du getrennt von allem bist. Vielleicht fragst du dich wie du dein Leben in eine bestimmte Richtung lenken sollst, geschweige denn überhaupt irgendwas erreichen kannst, wenn du die Kontrolle aufgibst. Das liegt an deinem falschen Verständnis darüber, wie das Leben funktioniert. 
Du bist niemals außen vor und unbedeutend, sondern eng verwoben im Netz der Dinge. Dein Dasein hat eine unmittelbare Wirkung auf die Welt und du beeinflusst mehr als du vielleicht glauben kannst. Wenn du still und achtsam bist, wirst du einen direkten Zusammenhang zwischen den dich umgebenden Umständen und deinen vorherrschenden Gedanken und Emotionen erkennen können. Du wirst verstehen, dass du deine Welt aus deinem Seinszustand heraus erschaffst. Ein Seinszustand ist dein vorherrschendes Denken, Fühlen und Handeln. Kontrolle kommt aus einem Seinszustand der Angst. Und wenn du permanent aus der Angst heraus lebst, was glaubst du, was sich in deinem Leben immer wieder zeigt? Wenn du aus einem Seinszustand der Fülle,  des Vertrauens und der Hingabe lebst, erfährst du mit 100%iger Sicherheit eine tiefe Verbundenheit mit dem Leben und die Dinge zeigen sich dir so, wie du es möchtest. Das ständige Ringen um Kontrolle kostet dich wertvolle Lebensenergie und macht dich lebensmüde. Wenn du dich hingibst und loslässt, hast du wieder beide Hände frei, um dein Leben zu umarmen und anzunehmen. 
Die Dinge geschehen auch ohne Anstrengung aber dafür musst du eine Menge Ballast abwerfen und Platz machen für eine völlig neue Art zu sein und deinem Leben zu begegnen. Mut heißt nicht, keine Angst zu haben, sondern sich seinen Ängsten zu stellen. Erst dann werden sie sich in Neugier, Lebenshunger und Liebe transformieren und du wirst vielleicht das erste Mal das Gefühl haben LEBENDIG zu sein. Versteh das hier nicht als psychologisches Handlungskonzept, sondern vielmehr als ein Loslassen aller Konzepte. Ich wünsche dir den Mut diese Reise anzutreten, denn das ist der Grund warum du hier bist.