Wenn die Seele ihr Licht verliert 

In diesem Blog will ich versuchen dir von der bisher herausforderndsten Zeit meines Lebens zu berichten und gleichzeitig ist es das Persönlichste was ich jemals öffentlich geteilt habe. Ich habe mir über einen Monat Zeit genommen diese Heftigkeit und dieses Erleben in Worte zu fassen oder überhaupt irgendwie zu beschreiben. Und es wird wohl noch eine Weile brauchen, um die Nuancen dieser Erfahrung in ihrer tiefen Bedeutung zu verstehen.

Alles hätte gut sein müssen. Es waren die längsten Tage des Jahres, die Sonne schien, es war überall wieder Leben auf den Straßen nach den Lockerungen der „Corona Maßnahmen“. Mit der Arbeit ging es wieder voran, ich hatte und habe viele gute Freunde, ein großes Netzwerk und eine liebe Familie. Doch das Leben wollte es anders. Von einen Tag auf den anderen fiel ich in die tiefste Krise meines bisherigen Lebens. Die vorangegangenen Monate waren schon, um es mal milde auszudrücken, eine echte Herausforderung mit vielen Umbrüchen und Veränderungen.
Doch was jetzt geschah war gefühlt, das Finale, die absolute psychische Apokalypse. Ich fühlte mich immer mehr, als würde ich in eine heftige Depression reinrutschen. Mich plagten heftige Verlustängste, eine nie dagewesene Traurigkeit, Angst vor dem Alleinsein, das Gefühl nicht mehr zu wissen, wer ich eigentlich bin und ob ich überhaupt eine Daseinsberechtigung für dieses Leben habe. Über zehn Tage konnte ich nachts so gut wie gar nicht schlafen und hatte eine undefinierbare Angst vor der ich nicht entkommen konnte.
Meine Lieblingsbewältigungsstrategie war immer das Auto. Ich fuhr sonst nachts stundenlang, ziellos durch die Gegend und hörte laut Musik. Doch genau mit Beginn dieser dunklen Zeit verabschiedete sich der Motor. So hatte ich kein „Fluchtauto“ und keine Möglichkeit, vor dem was da kam abzuhauen. Neben den Schlafstörungen reagierte mein Körper sehr negativ auf Sport. Sport war in meinem Leben immer ein Kompensator für Stress und Unwohlsein.
Doch auch hier lief auf einmal alles anders. Ich hatte nach fast jedem Versuch zu sporteln sehr heftige Rückenschmerzen, die mir das Training unmöglich machten.
Irgendwas in mir wollte sich nicht mehr wegdrängen lassen, wollte gesehen werden. Aber was? Jeder hat mal schlechte Tage und jeder hat auch mal das Gefühl nicht geliebt zu werden, doch in unzähligen Augenblicken dieser dunklen Tage hatte ich das Gefühl völlig abgetrennt von allem zu sein. Ich spürte keine Verbindung mehr zu Irgendwas. So als wäre man in einer Glocke oder steht am Spielfeldrand und darf nicht mehr teilnehmen am Spiel des Lebens. Alles was ich probierte, um mich irgendwie abzulenken oder in einen besseren Zustand zu gelangen funktionierte nicht mehr, keine Meditation, keine Coaching Skills, nicht mal die einfachsten Entspannungsübungen.
Mein Kopf war völlig leer und ich hatte jegliche Lust an Dingen die ich vorher gerne tat, verloren. Ich dachte zeitweise das Freude, Begeisterung, Liebe, Dankbarkeit usw. völlig aus mir gelöscht waren. Es fühlte sich an als würde etwas in mir sterben und ich hatte das Gefühl zwischen dem zu stehen was stirbt und was war und dem was kommt und geboren wird. Und dieser Zwischenraum erzeugte in mir ein beängstigendes Gefühl der Leere.

„Wenn alles wegfällt, was du über dich zu wissen glaubst, bleibst nur DU übrig.“

Ich fragte mich, welchen Preis ich zahlen muss, um Normalität und mein altes Leben zurückzubekommen. Jetzt denke ich, dass ich eher etwas eintauschen musste. Nicht um etwas zurückzubekommen, sondern um mich von dem zu trennen, was nicht mehr zu mir gehörte und meinem wahren Selbst vielleicht noch nie entsprach. Normalität kann es nur in einer vorhersehbaren, grauen Zone des Egos geben, in der schon die kleinste Veränderung als Bedrohung angesehen wird und Menschen nie den Mut entwickeln zu träumen und grenzenlos zu denken und zu fühlen.
Es gibt keine Normalität, nichts ist normal. Das wir am Leben sind, das wir daran teilhaben dürfen ist nicht selbstverständlich. Es ist die Gnade vom Universum, von Gott, der Natur oder sonst wem, keine Ahnung. Aber es ist das größte Geschenk überhaupt. Mein Problem war meine Abgestumpftheit gegenüber der Lebendigkeit der Dinge die uns umgeben wie Menschen, die Natur, Kunst, halt das Leben selbst. Alles pulsiert, alles lebt und alles ist ein Ausdruck dessen was ich glaube zu sein, denn ich stehe mit allem in Beziehung.
Ich bin kein spiritueller Fanatiker aber ich meditiere gern und mir ist der Sinn meines Daseins schon sehr wichtig. Spiritualität macht mein Leben rund und gehört für mich zu einer erfüllenden Lebensweise dazu. Der Prozess den viele „die dunkle Nacht der Seele“ nennen, war mir zwar geläufig aber lag überhaupt nicht in meinem Interessenfeld und darum ordnete ich meine Erfahrung da auch nicht ein. Aber ich denke, dass sie sich schon Monate davor ankündigte.
Im Rückblick fing irgendwie alles schon im letzten Jahr an. Ich hatte seltsame Meditationserfahrungen, immer wiederkehrende, intensive Träume in denen ich von einem Wolf beschützt wurde. Ich war sehr oft sehr emotional und den Tränen nahe, wenn ich über bestimmte Dinge sprechen wollte und die äußeren Umstände meines Lebens passten sich da irgendwie an. In vielen Situationen kam ich mir als Mann so richtig bescheuert vor, wie eine Weichflöte.
Meine Persönlichkeit war über fast 3 Jahrzehnte durch Sport und Kampfkunst sehr diszipliniert und von Werten und Regeln geprägt, wie ich sein darf und was ich mir erlauben kann. Mir war wichtig, was man über mich dachte, vielleicht auch zu wichtig. Ich hatte mir über viele Jahre psychische Leitplanken gebaut aus genau diesen Werten und Lebensregeln, die mich aber von dem Gefühl am Leben zu sein immer mehr isolierten. Und wenn ich ehrlich bin, vermisste ich Leidenschaft, Hingabe und die Fähigkeit bedingungslos zu lieben. Alles war an begrenzenden Konzepten geknüpft, wie etwas sein darf, um mich nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Doch jetzt brach dieser konzeptionelle Rahmen, der mein Leben im Kopf zusammenhielt und eine gewisse Bedeutung gab, auseinander und die alten Strukturen verloren ihren Halt. Ich glaube, dass genau das die undefinierbare Angst in den schlaflosen Nächten auslöste. Ich wünschte mir Freiheit, hatte aber jetzt eine panische Angst davor. Es fühlte sich an wie in den Abgrund zu stürzen und nicht zu wissen ob man es überlebt. Doch wer fliegen will, muss springen. Und wer echte Freiheit fühlen will, muss das Konzept der Sicherheit, in dem wir uns zu gerne suhlen, aufgeben.
Dieses Festhalten, oder besser gesagt Festkrallen verursachte einen unglaublichen Energieaufwand, wie im Kampf oder Fluchtmodus. 
Erst als ich völlig entkräftet, locker ließ, mich hingab und mir egal war was mit mir passiert, veränderte sich auf einmal ETWAS. Ich hatte keine Erleuchtungserfahrung und keine spirituellen Eingebungen aber ich empfand zunehmend eine immer größer werdende Dankbarkeit dem Leben gegenüber. Ich traute mich nicht einmal darüber zu sprechen, weil ich dachte, das ich vielleicht etwas kaputt rede oder das kleine Pflänzchen, was sich unglaublich stark, präsent und gleichzeitig sehr verletzlich durch den Asphalt drückt, gleich wieder zerstöre.

Plötzlich begegneten mir zunehmend Menschen mit einem völlig anderen Weltbild, das frisch, unvoreingenommen und zugleich radikal anders war. Die Lehrer deines Lebens kommen nicht immer als Guru, sondern verborgen in normalen Menschen, Situationen und völlig verrückten Ereignissen. Sobald wir unseren geschützten, inneren Raum verlassen oder auch rausgestoßen werden, geschehen unglaubliche Dinge die uns zeigen, dass die Welt oder das Universum anders funktionieren als wir es gewohnt sind zu glauben.
Ich meine damit, dass es ein großer Unterschied ist, über Dinge zu lesen und sich damit zu beschäftigen, als sie selbst körperlich, emotional, mental und auch seelisch zu erfahren. Ich hab zwar keine Feinde aber ich würde den Schlimmsten unter ihnen, nicht wünschen diesen Prozess zu durchlaufen. Was ich mir aber für jeden wünsche, ist das, was danach kam.
Das Leben meint es gut mit uns und es klopft zur gegebenen Zeit so laut an unsere Tür, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Wir sind bequem und wollen Schmerz vermeiden und dadurch wollen wir uns auch unsere Wunden nicht ansehen. Lieber kleben wir ein buntes Pflaster nach dem anderen rauf ohne mal Licht und Luft ranzulassen.

Wie Rumi so schon schrieb: „Eine Wunde ist der Ort, über den das Licht in dich eindringt.“

Ich glaube, wenn wir uns zu weit von uns selbst entfernen, fordert sich unsere Seele ihre Wahrheit zurück. Mein bisheriger Weg, mein Denken, mein Fühlen, mein Handeln kamen mir auf einmal oberflächlich und kindisch vor, weil ich viele Dinge nie hinterfragt habe. Wie oft übernehmen wir Vorstellungen, Überzeugungen, veraltete Sichtweisen, Redewendungen und stülpen sie über unser eigenes Leben, weil wir irgendwie nach Bedeutung für unsere eigene Existenz suchen. Dadurch haben wir aber nie die Möglichkeit das Leben und damit unseren ureigenen Kern direkt zu erfahren. 
Wir leben in vorgefertigten Schablonen des Denkens und Empfindens, in die uns Gesellschaft, Staat, Kultur, Familie, Freunde usw. einpferchen. Nicht einmal mit böser Absicht aber um sich vor bedrohenden Sichtweisen zu schützen, die ihr eigenes System gefährden könnten. Ein Mensch der nicht einzuschätzen ist, ist schwer händelbar und wirkt für das konventionelle Denken bedrohlich. Da wir Herdentiere sind, passen wir uns der Masse an. Wir vertrauen uns selbst und unseren inneren Impulsen nicht mehr, die uns Richtung Freiheit stupsen wollen. 

Letztendlich können wir nur rückblickend unsere Schlüsse ziehen aus dem was passiert ist und darum denke ich, dass alles was passierte, genau so kommen musste, damit sich die Dinge neu ordnen können. Und alles was zu uns gehört, bleibt bei uns, der Rest verabschiedet sich sofort oder mit der Zeit, wenn wir aus genau dem leben, was sich schon immer irgendwie durch uns ausdrücken wollte. 

Was hat sich verändert? 
Man sagt ja „Leben ist ein Gefühl“, und das bringt es irgendwie auf den Punkt, so banal es auch klingt. Mein Gefühl zum Leben hat sich verändert und ich glaube das mein Herz und mein Kopf sich gerade daten ;-), gefühlt zum ersten Mal. Dieses neue Gefühl bahnt sich gerade seinen Weg durch die Atome meines Körpers und wirkt befreiend, entlasten und verbindend. 
Ich bin mir sicher, dass das Leben sehr gefährlich werden kann für die Konzepte unseres Egos und gleichzeitig sind wir behütet und beschützt und können ihm vertrauen. Ich weiß, dass es keine Sicherheit für irgendwas gibt. Ich kann sehr gut mit Paradoxien leben die Richtig und Falsch auf den Kopf stellen. Ich kann Krieger und Heiler gleichzeitig sein. Ich fühle mich lebendig und hab Bock auf Leidenschaft, Genuss, Freude, Hingabe und Präsenz für meine Lebenszeit und es gibt keinen anderen und besseren Zeitpunkt für diese Dinge, als das JETZT.