Mach dir nichts vor! - Von der Falle des spiritualisierten Egos 

Diesmal geht es um die in Mode gekommene Schein-Spiritualität. Natürlich mag man Menschen, die Tiefe haben und mit denen man mal über den Smalltalk hinaus, über den tieferen Sinn des Lebens philosophieren kann. Aber ist das schon Spiritualität? Sich in guten Zeiten seinem wahren Selbst näher zu fühlen, ist nicht so schwer. Aber machen wir uns nichts vor. Es gibt auch die anderen Tage, an denen wir uns am liebsten verkriechen möchten, weil alles gegen uns zu laufen scheint und wir uns getrennt von allem fühlen. Oder an den Tagen, an denen wir an uns zweifeln, uns selbst verachten für das was wir sind, wo wir geboren wurden, ja für unser blödes Schicksal eben. Dann ist die tiefere Bedeutung  der Dinge erst einmal außen vor und keine Rede mehr von einem spirituellen, tiefsinnigen Dasein. Schlechte Momente passen da irgendwie nicht rein, oder? 
Nun ja, du spiritualisierst dein Ego und biegst dir ewige Wahrheiten immer so zurecht, das sie deine Egozentrik füttern. Somit wirst du es noch schwerer haben und deine Verblendungen werden dich in die Irre führen. Du wirst dir immer alles schön reden, nur um dir nicht eingestehen zu müssen, dass du dich völlig verrannt und verloren hast.
Wenn du denkst, das Spiritualität nur etwas mit Menschen mit verschränkten Beinen und einem glückseligen Lächeln auf dem Gesicht zu tun hat, dann muss ich dir hier gleich mal den Wind aus den Segeln nehmen. Solltest du dich für diese Reise, die Reise zu dir Selbst, zur tieferen Bedeutung des Lebens entschieden haben, dann wirst du ganz schnell merken, dass es kein Kindergeburtstag ist, sondern dass es die Heldin oder den Helden in dir braucht. Es erfordert einen unglaublichen Mut sich den dunklen Seiten seines Selbst zu stellen und die Spielchen des Egos zu durchschauen. Dafür brauchst du das Herz eines Kriegers, einer Kriegerin, die sich gleichmütig der Gefahr aussetzen, auch wenn sie nicht wissen, wie es ausgehen wird. 
Du musst bereit sein, das zu verlieren was nicht zu dir gehört. Und das ist die Angst. Sie ist das größte Hindernis auf dem Weg zu dir selbst. Das Paradoxe am Menschen ist, das er sehr oft nicht nur seine dunklen Seiten verleugnet und fürchtet, sondern auch Angst vor seinem eigenen Leuchten hat. Und damit meine ich nicht den Hochmut des Egos, das ständig nach Bestätigung sucht. Nein, es geht darum, das anzunehmen, was sich durch dich ausdrücken möchte, und da steht dein Ego dir nur im Weg. Dinge bewusst mit den eigenen Gedanken ins Leben zu ziehen, mag dir vielleicht das eine oder andere Mal gelingen aber oft auch mit fadem Beigeschmack. Wenn du glaubst, das dein Verstand der heilige Gral ist, a lá „Ich mache mir die Welt, so wie sie mir gefällt“, dann versuchst du den zweiten Schritt vor dem Ersten zu machen und fliegst dabei höchstwahrscheinlich unsanft auf die Fr….  Aber warum? 
Die Welt und die dich umgebenden Umstände sind dein Spiegel. Sie zeigen dir in jedem Moment wer du bist, und nicht was du dir mal so schnell ausdenkst oder wünscht. Und so stolperst du immer wieder über das, was bereits hinter dir liegt. Das Ding ist, das du kämpfst, gegen das, was du an dir selbst nicht magst und verurteilst, und das fällt dir auch besonders an Anderen negativ auf. Doch wenn du das Arschloch oder die Zicke in dir, nicht mit an den Tisch bittest und ihnen keine Beachtung schenkst, werden sie in deinen schwachen Momenten umso lauter und stärker hervortreten und ihre Daseinsberechtigung fordern. Sie werden solange ihre Fingerabdrücke auf deinen Lebensumständen hinterlassen, bist du ihnen erlaubst da zu sein, gleichberechtigt zu allem anderen in dir. Dann werden sie nämlich zu Verbündeten und generieren eine unglaubliche Kraft in dir. 
Wenn du schon mal in einer der alten Kathedralen warst, dann sind dir sicher die bunten Fenster aufgefallen. Wenn das Licht durch sie hindurchfällt, kannst du auf dem Boden und an den Wänden viele verschiedene Farben sehen. Die Farben der Fenster unterscheiden sich zwar voneinander, aber durch sie scheint immer dasselbe Licht. Deine Seinszustände werden positive, als auch negative Abdrücke in deinem Leben hinterlassen, aber durch alle scheint immer die Kraft deines Bewusstseins. Was sich in Zukunft in deinem Leben zeigen wird, hängt immer davon ab, wer du im jetzigen Moment bist. Und das ist unabhängig von den Umständen, zu jedem Zeitpunkt, deine freie Entscheidung. Wenn du mehr Fülle in deinem Leben willst, sei jetzt schon dankbar dafür. Wenn du Liebe willst, fühle dich jetzt schon geliebt. Geh in Vorleistung. Wir ziehen das in unser Leben was wir vorherrschend sind, nicht das was wir wollen. 
Mein Tai Chi Lehrer sagte mal während eines Abendessens, als wir über die spirituellen Aspekte unserer Kunst sprachen: „André, wenn du wissen willst wie es um den Himmel bestellt ist, dann musst du die Erde beobachten.“ Damit meinte er, das alles miteinander verwoben, verbunden ist und erklärte es an einem ganz simplen Beispiel. Er sagte: „Wenn in Guangfu (seinem Heimatort in der Yongnian Provinz in China), unter dem großen Stadttor die Ameisen in großen Armeen kommen, dann wird es in den kommenden Tagen Unwetter geben. So wie im Tai Chi jede Bewegung mit der anderen verbunden ist, so ist auch im Universum alles mit allem verbunden.  Jede Bewegung bringt die Nächste hervor, so wie im Leben jeder Gedanke, jedes Gefühl und jede Handlung eine Ursache ist, die eine unmittelbare Auswirkung hat, auf das was dich umgibt. Und wer genau hinsieht, wird das überall erkennen können.“ Was ich damit sagen will, ist, dass du diese Dinge unmittelbar erfahren musst und nicht nur darüber lesen. Nichts glauben, ohne es selbst erfahren zu haben aber auch offen zu bleiben, um deinen Augen die Möglichkeit zu geben wirklich zu sehen und nicht nur zu schauen. Und wenn du auf die Zeichen achtest, werden sie dir deinen Weg weisen und das Leben wird dir seine Geheimnisse offenbaren.