Und du glaubst du bist frei 


 

Wenn du schon mal versucht hast, etwas in deinem Leben zu verändern, wirst du vielleicht die Erfahrung gemacht haben, dass dir dein Verstand ein verdammtes Märchen erzählt. Das ist bei Neujahrsvorsätzen so oder auch, wenn du glaubst, du kannst mal eben schnell dein Leben von Grund auf verändern, weil dich mal wieder alles ankotzt und du nur noch ausbrechen willst. Doch schon banale Dinge, wie der gewohnte Griff zur Zigarette, das Stück Schokolade, dein Glas Wein oder deine Flasche Bier am Abend sind nach einer gewissen Zeit schwer abzulegende Gewohnheiten, die dir ganz unmissverständlich zeigen, dass du einen Scheiß unter Kontrolle hast, wenn es darum geht, lebensverändernde Prozesse zu initiieren. 
Mal ganz ehrlich, wie willst du größere Veränderungen zum Besseren in deinem Leben vornehmen, dich aus toxischen Beziehungen lösen, deine Lebensvisionen verwirklichen oder deinen Kindern ein gutes Vorbild sein, wenn ein Stück Schokolade es schafft, dich von deinen Zielen abzuhalten? Versuche mal deinem Laster oder deinen Gewohnheiten zu widerstehen und du wirst sofort ein unglaubliches Unbehagen verspüren. Dein Verstand zückt blitzschnell das Lexikon der Ausreden und Rechtfertigungen, um dem Leid so schnell wie möglich ein Ende zu setzen. 
Wir haben es hier mit nicht greifbaren, fast unbesiegbaren Gegnern zu tun. Hinter diesem Veränderungsdilemma stecken tiefliegende Bedürfnisse, Gewohnheiten, Werte und einschränkende Überzeugungen die unter der Oberfläche deines sichtbaren Selbst, ihr Unwesen treiben. Dazu kommt, dass das alles keine Dinge sind, die sich nur im Kopf, also rein neurologisch abspielen, sondern dass du ein völlig irres, biochemisches Gleichgewicht in deinem Körper etabliert hast, das dir bei jedem Veränderungswunsch den Mittelfinger zeigt. Man könnte fast sagen, dass du im Alcatraz deiner Persönlichkeit festsitzt. Hinzu kommt, dass dein Gehirn dir, abhängig von deinem mental-emotionalen Zustand, genau den millionstel Teil von der großen Torte der Realität herausschneidet, der zu deinem Zustand passt. Energie folgt deiner Aufmerksamkeit. Oder anders gesagt… Hast du einen schlechten Tag, ist die ganze Welt scheiße zu dir. Du kennst das! Mal einfach aussteigen aus dem Hamsterrad … is nich …, und würde dich mit voller Wucht gegen die Wand knallen lassen. 
Doch vielleicht ist es genau das. Manchmal muss das System einmal komplett heruntergefahren werden, um es dann neu zu starten. Das passiert bei Menschen, die harte Schicksalsschläge hinnehmen müssen oder sie erleiden einen Zusammenbruch, weil sie zu lange versucht haben, die leise Stimme in ihrem Inneren, durch eine laute Außenwelt zu übertönen. Es ist wie bei dem Yin Yang Symbol, bei dem das Ausreizen eines Pols zum Wandel in sein Gegenteil führt. Das ist der natürliche Fluss des Lebens, das sich beständig um seine Kreaturen kümmert, in dem es für Ausgleich und Gleichgewicht sorgt. 
 
Doch du bist mehr als ein reaktives Wesen, wenn du dir bewusst wirst, dass all das, Dinge sind, die du hast. Und genauso, wie du Gewohnheiten, Glaubensätze, Bedürfnisse und Werte hast, hast du auch ein Auto, eine Zahnbürste, eine Wohnung und ein Spiegel. Doch du bist nicht all diese Dinge, jedenfalls nicht in deiner Essenz. Du bist nicht nur der Tropfen im Ozean, sondern auch und vor allem, der Ozean im Tropfen. Und wenn du kapiert hast, dass du nicht dein Arm, dein Weisheitszahn oder deine schlechte Gewohnheit bist, dann hast du schon eine gewisse Distanz aufgebaut, die du brauchst, um den Wald zu sehen und nicht nur die Bäume. Jetzt hast du dir eine Fähigkeit bewusst gemacht, zu der jeder fähig ist, und die nennt sich Metakognition. Erst mit dieser mentalen Distanz hast du die Möglichkeit, zu untersuchen, was dich in deinem Leben lenkt und steuert. 
 
Die stärksten zu entlarvenden Fesseln in deinem Leben, sind limitierende Glaubensätze und Überzeugungen in Bezug auf deine Identität. Diese Ketten lösen in dir immer Gefühle von Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und Wertlosigkeit aus. Diese, deine Identität betreffenden Glaubensätze, sind so stark, das sie Einfluss auf dein autonomes Nervensystem, dein Immunsystem, dein limbisches System und die Realitätsfilter in deinem Gehirn, dem aufsteigenden retikulären Aktivierungssystem haben. Es  gibt viele Metaphern, die das gut beschreiben wie z.B. die Geschichte über den Adler der bei Hühnern aufwächst, der gackert und Würmer frisst und nie die Freiheit des grenzenlosen Himmels erfährt, weil ihn sein Glaube ein Huhn zu sein, von seiner majestätischen Präsenz und Macht abhält. 
Oder der Baby-Elefant, der an einen kleinen Pflog angebunden, nach unzähligen Versuchen sich zu befreien, die Hoffnung verliert, sich seinem scheinbaren Schicksal fügt und als ausgewachsener Elefant keinen einzigen Versuch unternimmt, sich zu befreien, weil die stärkste Fessel sein Glaube ist. 
 
Es gibt auch Beispiele aus der Welt der Wissenschaft. Der amerikanische Psychologe und Verhaltensforscher Curt Richter machte im Jahre 1957 ein grausames Experiment mit wilden Ratten. Er warf die Ratten in ein Wasserbecken und nach ca. 15 Minuten gaben die Tierchen nach einem erbitterten Überlebenskampf auf und ertranken. Im zweiten Versuch nahm er Ratten kurz vor dem Ertrinken aus dem Becken und gönnte ihnen eine Erholung. Danach warf er sie wieder ins Wasser. Doch diesmal hielten die Ratten, sage und schreibe ca. 60 Stunden durch. Das ist eine Leistungssteigerung von 24000 %. Der Glaube daran wieder aus dem Wasser gerettet zu werden, gab den Tierchen Hoffnung und führte zu einem unglaublichen Anstieg ihrer Fähigkeiten und Entfesselung ihrer latenten Potenziale. 
Und jetzt die Frage an dich! Welche einschränkenden, dich zurückhaltenden Überzeugungen über dich selbst, halten dich davon ab, dir das vom Leben zu nehmen, was dir auf dem Buffet der unendlichen Möglichkeiten angeboten wird? 
 
Ob es nun Gewohnheiten sind, völlig verquere Werte, die du einfach so übernommen hast oder limitierende Glaubensätze die dich wie ein Huhn gackern lassen obwohl du das Potenzial eines Adlers hast – dieses Gefängnis hast du dir selbst gebaut, wenn auch nicht bewusst. Und wenn du begreifst das du der Dirigent im Hintergrund bist, der das Orchester leitet und stets den Takt, den Rhythmus, den Einsatz und die Pausen vorgibt, dann wird das Universum dir deine Lieblingsmelodien nach deinen Vorgaben spielen. 
 
Hier sind sich auch mal alle einig, ob es nun die alten spirituellen Lehren sind, Neurowissenschaft, Psychologie oder Philosophie. Die Fähigkeit, über unseren eigenen Bockmist zu reflektieren, legt uns gleichzeitig die Verantwortung in unsere Hände, aus dem Geschenk des Lebens, etwas zu machen und nicht am Ende der Reise zu bereuen, dass neben unseren verbrauchten Körpern auch noch all unsere Potenziale und Träume mit Erde bedeckt werden. 
Nimm alles mit einem Quäntchen Humor und staune trotzdem ehrfürchtig, zu was du in deinem Leben fähig sein könntest, wenn du das Steuer übernimmst. Niemand der seine Möglichkeiten voll ausgelotet hat, hat es später bereut.